Quo vadis Spielleutemusik

(Musikalische Ausbildung zwischen zwei Extremen)

Es ist schon viel über diese Frage sinniert worden. Mancher versucht seine Meinung zu diesem Thema zum Dogma zu erklären. So gibt es einerseits diejenigen, die meinen, Fortschritt müsse um jeden Preis sein und wer nicht Schritt halten kann gehört nicht dazu. Andererseits haben wir eine große Zahl von Spielleutekorps, die sich mehr als Freizeitverein denn als Orchester sehen. Dies spiegelt sich zum einen in der Verweigerung, die Mitglieder musikalisch zu qualifizieren, zum anderen in der Literaturauswahl wider. Neue Spielleutelite­ratur wird mit der Bemerkung abgetan: „Das will unser Publikum nicht hören, das kennen die doch gar nicht – die Vereine sollten besser ‚Alte Kameraden‘ spielen!“

 

Ich bin zwar dafür, jedem seine Meinung zu lassen, aber diese Extreme sind einfach falsch. Jeder Verein soll die Musik machen, die er möchte. Aber er darf nicht denken, dass andere Einstellungen keine Existenzbe­rechtigung hätten. In Schleswig-Holstein sehe ich diese Extreme in mehr oder weniger friedlicher Eintracht nebeneinander. Da sind zum einen einige herausragende Orchester, die mit viel Arbeitsaufwand ihre Musi­ker zur Perfektion auszubilden suchen – als Ziel dabei konzertante Höchststufenmusik vor Augen. Sie nutzen das Lehrgangsangebot der Verbände wo sie nur können und holen sich besonders qualifizierte Dozenten für eigene Probenwochenenden. Auf der anderen Seite finden wir eine große Masse an Vereinen, die mit wenig Aufwand das selbst gelernte Musikmaterial an den Nachwuchs weitergeben. Hierzu reicht ihnen häufig die Mund-zu-Ohr-Ausbildung, unterstützt von »regionalen Notendialekten« in Zahlen und Kartoffeldruck. Da­zwischen gibt es noch diverse Schattierungen. Dieses Mittelfeld spielt nach Noten, bildet seinen Nachwuchs mit eigenen qualifizierten Kräften aus, spielt traditionelle wie moderne Spielleuteliteratur und die Aktiven dort können durchaus zu den ernsthaften Musikern gerechnet werden.

 

Die unterschiedlichen Ansprüche bergen aber leider große Probleme in sich. Während die einen sich um Anerkennung als ernsthafte Musiker bemühen, wird dies

durch die häufig eher mittelmäßige oder gar mindere Qualität der schlecht ausgebildeten Vereine unbewusst untergraben. Die öffentlichen Auftritte der Masse finden logischerweise mehr Publikum als einige wenige Konzerte, die, mit viel Aufwand gestaltet, nur einem kleinen Publikum zugänglich gemacht werden können.

 

Blastechnische Ausbildung

 

Hinzu kommt, dass die traditionellen Spielmannszüge sich mit der Literatur in erheblichem Nachteil befin­den. Die ursprünglich für Blasmusik geschriebenen Stücke wurden so adaptiert, dass sie gemeinsam von Blasorchester und Spielmannszug gespielt werden können. Dies bedeutet häufig die Bindung an Ces/Fes-Flöten und Tonarten mit mehr als zwei Kreuzen. Deren Spiel erfordert dadurch, dass die Flöten hierfür nicht konstruiert sind, eine besonders gute Ausbildung in der Blastechnik, die oftmals, auch durch mangelnde Ausbildung der Ausbilder, arg zu wünschen lässt. Weiterhin geht das Notenmaterial häufig weit über das e3 hinaus. Ein Bereich, der auf unseren Flöten allenfalls noch als schrill bezeichnet werden kann. Hier liegt auch die Begründung für die weit verbreitete Meinung über

Spielmannszüge: laut, schrill und schräg. Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch die Überbesetzung der ersten Stimme, wodurch die Intonationsprobleme deutlich wachsen.

 

Leider hat sich die in den 80er Jahren einsetzende Entwicklung nicht als kontinuierlich erwiesen. Zunächst gab es doch recht viele Vereine, die die Innovation nicht scheuten und den teilweise beschwerlichen Weg zu qualifizierter Ausbildung und konzertanter Musik gingen. Diese entwickeln sich ständig weiter und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Von diesen angesteckt, zogen weitere Vereine zunächst nach. Sie bilden jetzt die oben zitierte Mitte. Manche von diesen Vereinen bleiben, mit ihren erreichten Zielen zufrieden, in diesem Mittelfeld und bilden eine wichtige Brückenfunktion. Denn nach dem ersten Boom stagniert nun der Zu­strom an neu einsteigenden Spielleutekorps in diese Entwicklung. Gäbe es das Mittelfeld nicht, würde die Schere zwischen den schlecht ausgebildeten und den Spitzenorchestern noch viel weiter klaffen und den Neueinstieg weiter erschweren.

 

Leider gibt es kein Allheilmittel für diese Gegensätze. Im Interesse der Musik sollten wir weiterhin versu­chen, alle Vereine zu motivieren, ihren Mitgliedern eine fundierte musikalische Ausbildung zu ermöglichen. Am Anfang steht hier zunächst, sie zu überzeugen, Lehrgänge zu besuchen. Bei Wertungsspielen können die Wertungsrichter in ihrer Kritik hier gute Vorarbeit leisten. Weiterhin brauchen wir viele neue Ausbilder aus den eigenen Reihen, die möglichst lückenlos über das Land verteilt sind, um alle Vereine leicht erreichen zu können. Die fortgeschrittenen Spielleutekorps sind hier ein guter Grundstock. Deren Musiker können be­stimmt so manchen anderen Verein auf den Weg bringen. Sodann müssen wir talentierte Musiker in den Vereinen finden, die über C-Lehrgänge für die Ausbildung des eigenen Vereins qualifiziert werden.

 

Wiedererkennungswert

 

Die althergebrachte Literatur für Spielleute könnte mit einer Überarbeitung durchaus zu einer musikalischen Bereicherung werden. Der Wiedererkennungswert von traditionellen Märschen beim Publikum ist nicht zu unterschätzen. Einige Märsche haben bereits eine solche Wandlung durchgemacht. Hier gilt es Arrangeure zu finden, die sich der Arbeit in stärkerem Maße annehmen. Schwieriger wird es, die Spielleutekorps zu überzeugen, die alten Bearbeitungen durch neue zu ersetzen. Hier ist es wohl besser, den Korps neue »alte« Märsche zu empfehlen und die problematischen aussterben zu lassen. Auf jeden Fall wird dies ein langjähri­ger Prozess sein, der nur mit der eigenen Überzeugung der Vereine getragen werden kann.

 

Überzeugen ist schwer. Persönliche Kontakte auf Kreisebene können eine gute Grundlage bieten. Schon bei Kreismusikfesten hört man, was andere Korps leisten. Der Vergleich ist oft Ansporn, sich selbst zu verbes­sern. Ein Höchststufenstück nahe der Perfektion vorgetragen, schreckt dabei aber eher ab. Ich habe schon mehrfach zu hören bekommen: »Da kommen wir nie hin! Die spielen ja wie die Profis.« Der Genuss einer kostenlosen Probe hilft vielleicht bei der Entscheidung, sich einen guten Ausbilder auf Honorarbasis zu leisten.

 

Welche Anstrengungen man auch unternehmen mag, es wird immer die »Freizeitvereine« geben, die nicht davon zu überzeugen sind, dass Musik auch etwas mit Arbeit zu tun hat, wenn es wirklich Musik sein soll. Manche Vereine habe ich schon gehört, die mit wirklich talentierten Musikern gesegnet waren. Schon mit wenig Aufwand hätte hier ein »Quantensprung« in der Musikalität stattfinden können. Aber wenn dann alle Angebote in den Wind geschlagen werden, kann man nur abwarten und hoffen, dass ein fruchtbares Samen­korn zurückgeblieben ist und irgendwann einmal keimt. Auch die Spielleutekorps, die heute das oben ge­nannte Spitzen- und Mittelfeld bilden, sind schließlich nicht von heute auf morgen dahin gekommen, wo sie heute stehen.

 

Als Resümee stelle ich fest, dass weitere Fortschritte bei den Spielleuten einen ebenso langen Prozess dar­stellen werden, wie der erste pionierhafte Schritt manches Vereins hin zum Spiel nach Noten vor vielen Jahren. Getreu dem Motto »Steter Tropfen höhlt den Stein« werden wir weiter versuchen, alle Vereine mit einer angemessenen musikalischen Ausbildung zu versorgen, und hoffen dabei auf tatkräftige Unterstützung aus den Reihen der Funktionsträger, Ausbilder und Dirigenten aller Vereine und Verbände. Das Ziel, alle Musiker so weit zu schulen, dass sie nach kurzen Proben neue Literatur vom Blatt spielen können und in der Spieltechnik und Intonation kleine, aber ständige Fortschritte erreichen, ist mir zunächst Anspruch genug. Ich wünsche mir für die Zukunft viele Vereine, die bereit sind, sich auf diesem Wege weiterzuentwickeln.

 

Quelle: BDBV Info 4/2000

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Seit dem 07.11.2017

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