Motivation – Leidenschaft weitergeben

(Zitate aus CLARINO 12/2013

Die Leidenschaft weitergeben! Wie halten es Dirigenten mit Motivation?

 

„Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden“

Aus so manchem Laien-Blasorchester vernimmt man gelegentlich die Klage über schlechten Probenbesuch und mangelnde Motivation bei den Musikern. Woran liegt das und wie kann dem entgegengewirkt werden? Geht man doch eigentlich davon aus, dass bei Musikern im Laienbereich jede Menge Leidenschaft hinter ihrem Hobby steckt …
Dass Motivation auch im musikalischen Bereich wichtig ist und eine bedeutende Rolle spielt, dürfte wohl außer Frage stehen. Wie aber funktioniert Motivation bei Laienmusikern? Welche Rolle spielen dabei die Dirigenten und Instrumentallehrer? Wie sieht es in Sachen Motivation bei Kindern und Jugendlichen aus, die ein Instrument erlernen? Welchen Ansporn geben Musikpädagogen ihren Schülern im Unterricht? Wie können sie ihren Schülern aus Motivationslöchern wieder heraushelfen?
Wir haben bei Dirigenten und Instrumentallehrern zum Thema Motivation nachgefragt.

Die Orchesterprobe im Spannungsfeld Alltag
In den meisten Musikvereinen spielen hauptsächlich Laien, für die das Musizieren ein Hobby ist, dem sie neben Schule, Studium, Beruf, Familie und sonstigen Verpflichtungen nachgehen. Dabei ist vollkommen klar, dass viele dieser Aufgaben einen höheren Stellenwert haben und in der Rangfolge eindeutig vor dem Hobby angesiedelt sind. Den meisten Musikern kann man aber unterstellen, dass sie vom Prinzip her Spaß am Musizieren im Verein haben und somit eine gewisse Grundmotivation bereits vorhanden ist. Trotzdem fällt es einigen an manchen Tagen vielleicht auch schwer, sich neben den alltäglichen Verpflichtungen zum Probenbesuch aufzuraffen.

Ab jetzt müsst ihr freiwillig lernen – Musikalische Motivation und ihre Tücken

Den emphatischen Ausruf aus dem Munde eines SED-Festredners durfte ich einst, verehrte Leser, mit Vergnügen anlässlich einer im Osten Deutschlands leider noch heute recht beliebten sogenannten Jugendweihe zur Kenntnis nehmen, als wir mit einem von mir geleiteten Jugendblasorchester diese Veranstaltung musikalisch zu umrahmen hatten. Ebenso amüsiert waren die jungen Musiker, die alle mit Verve ihr Instrument traktierten und im Orchester spielten, da sie mehrheitlich wussten, dass sie als Kinder christlicher Eltern kaum eine Chance bekämen, ein Gymnasium zu besuchen oder außerhalb der Musik eine gediegene Ausbildung zu erfahren. Darüber hinaus gehörte die Musik bei diesen jungen Menschen seit frühester Kindheit zu den täglichen Lebenserfahrungen.
In Mannheim dann erlebte ich in den 80er Jahren noch, dass die Preisträger von „Jugend musiziert“ möglichst nicht öffentlich auftreten sollten, um die „zarten Seelchen“ der musikalisch Unterlegenen nicht noch zusätzlich zu verletzen. In diesem Spannungsfeld von Zwang und Zärtelung bewegen wir uns als Lehrer und Orchesterleiter ein Berufsleben lang, und die permanente Motivation unserer Schüler bzw. Musiker hält uns in Atem, fördert aber gleichzeitig auch unsere eigene schöpferische pädagogische Fantasie.

Motivation – Modewort der Hilflosigkeit?
Wenn wir über die „Motivation“ unseres musikalischen Nachwuchses nachdenken, sollten wir erst einmal eine exakte Begriffsbestimmung vornehmen: Ein Motiv ist ein Antrieb, Leitgedanke oder Beweggrund. Motivation bedeutet in diesem Sinne die Summe der Beweggründe für menschliches Handeln. Diese Definition zeigt, dass es einer Vielzahl von Anreizen bedarf, um unsere Musiker lernend und nach Vervollkommnung strebend dazu zu bewegen, künstlerisch nach den Sternen zu greifen.
In der Lernpsychologie unterscheiden wir zwischen primärer und sekundärer Motivation. Primär motiviert ist ein Lernender dann, wenn er aktiv wird um der Aktivität willen, wenn also ein junger Instrumentalist an seine musikalischen Aufgaben herangeht um der Lösung dieser Aufgaben willen, weil diese sein Interesse wecken und ihm Spaß machen. Als sekundäre Motivation ist der Zustand zu bezeichnen, in der ein Lernender aktiv wird, um durch diese Aktivität etwas zu erreichen, zum Beispiel eine gute Zensur, gesellschaftliche Anerkennung oder auch materiellen Gewinn. Dass beide Antriebskräfte stets miteinander verzahnt sind bzw. durch den Lehrer und Dirigenten miteinander verzahnt werden müssen, bedarf in dieser Arbeit nur der Erwähnung.

Um des Spielens Willen! Michael Stecher im Gespräch

Viele Orchesterleiter fragen sich, wie sie ihre Musiker am besten motivieren können. »“iese Frage ist aber nicht richtig gestellt, denn sie gleicht der Fragestellung: Wie erzeugt man Hunger?“ Der Pädagoge Michael Stecher hat sich viele Gedanken zum Thema gemacht, hat Bücher geschrieben und hält Vorträge. Wir haben uns mit dem Pädagogik-Dozenten der Musikhochschule Freiburg unterhalten.

Herr Stecher, als Einstiegsfrage: Was bedeutet eigentlich Motivation? Was versteht man unter Motivation?
Das definiert erst einmal das Wort: Motivation kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Bewegen“; etwas bewegen, den Menschen bewegen. Darin steckt aber schon die Frage: Was bewegt den Menschen tatsächlich? Was sind die Hauptstellschrauben der menschlichen Motivation, damit er etwas tut? Tun kann er ja vieles. Er kann sinnvolle Dinge tun und er kann weniger sinnvolle Dinge tun. Immer aber steckt die Motivation dahinter, die den Menschen antreibt, damit er sich überhaupt bewegt.

Man unterscheidet zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Was bedeutet das genau?
Intrinsisch und extrinsisch sind zwei Gegensatzpaare, die nicht unbedingt als Gegensätze zu deuten sind. Denn wir kommen zu keiner intrinsischen Motivation, wenn nicht zuvor extrinsisch etwas passiert ist. Intrinsisch bedeutet, dass ich eine Sache um ihrer selbst willen mache. Der Musiker übt um des Übens willen. Er geht in eine Probe um des Probens willen, nicht etwa wegen Geld. Geld könnte eine extrinsische Motivation sein. Die intrinsische Motivation ist ein Paradebeispiel, sie ist einzigartig für den Menschen. Wir sind nicht nur triebgesteuert, wir sind auch nicht nur Werk der Gesellschaft, sondern der Mensch ist auch in der Lage, über sich selbst nachzudenken, Werk seiner selbst zu sein. Die intrinsische Motivation ermöglicht Tätigkeiten, die der Mensch hauptsächlich angetrieben aus der Sinnfindung tut. Die Sinnfindung ist die Hauptquelle der menschlichen Motivation. Wenn wir diese intrinsischen Momente durchleben, sind wir nicht nur bei uns selbst, sondern transzendent. Hier kommt der schöne Begriff „Flow“ ins Spiel. Man ist so in der Tätigkeit gefangen, dass man die vergehende Zeit gar nicht mehr wahrnimmt.

„Mami, darf ich heute mal Pause machen?“ Kinder zum Üben motivieren

„Heute hab ich keine Lust“ oder „Muss ich heute üben?“ – Sätze, die alle Eltern kennen. Lehrer hören sie nicht so oft, dafür kennen sie aber deren Konsequenzen.
Wenn die Eltern zu Hause das Übematch verlieren, ist die musikalische Karriere der Kinder meist bald beendet.
Und wir Lehrer? Wir sollten die höchst individuellen Motivationsknöpfe unserer Schüler und deren Eltern genau kennen.

Zum Einstieg drei Beispiele
Johannes. Ein eher ruhiges Kind. Johannes, zehn Jahre alt, ist sich nicht sicher, ob er weiter Klarinette spielen soll oder nicht. Er kommt in den Unterricht, weil er den Lehrer mag und die Mama ihn zum Lernen eines Instruments angeregt hat. Seine Mutter ist verzweifelt, weil sie kaum noch die Kraft hat, ihn zum Üben zu motivieren. Jedes Mal kommt die ganze Palette von „keine Lust“ bis hin zum ausufernden Drama.

Julia spielt in einer Bläserklasse Horn. Sie übt zu Hause kaum oder wenn, dann nur sehr kurz. Die Eltern betrachten Julias Hornspiel in der Bläserklasse als Sport, der zweimal wöchentlich ausgeübt wird. So weit, so gut. Nur eins: Sie ist begabt und liebt das Horn, was leider unbemerkt bleibt …

Franz ist neun Jahre alt und spielt ganz gern Trompete. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater meist weg. Er ist selber in einer Blaskapelle aktiv und erwartet, dass sein Sohn Fortschritte macht. Franz ist tatsächlich begabt und muss nur ein- bis zweimal pro Woche üben, um die Aufgaben zu meistern. Dies bleibt längere Zeit vom Lehrer unentdeckt. Irgendwann kommt er nur noch schleppend weiter. Alle sind unzufrieden.

Darf ich zuerst einen alles klärenden Ausspruch eines bekannten Drogenexperten zitieren? Er sagt: „Versucht eure Kinder erst gar nicht zu erziehen, denn sie machen euch ohnehin alles nach.“ Für mich bedeutet das übersetzt für das Thema dieses Artikels: Sind Eltern und Lehrer motiviert, dann sind es auch die Kinder. Also ich nehme mir das als Vater und Lehrer zu Herzen – so gut ich eben kann.

Mitspielen motiviert – Thomas Clamor und „El Sistema“

Spricht man Thomas Clamor, den Dirigenten der Sächsischen Bläserphilharmonie, auf das Thema Motivation an, muss er nicht wirklich lange überlegen. Ihm fällt sofort „El Sistema“ ein, in dem er seit zwölf Jahren erfolgreich mitarbeitet. Wenn jemand motiviert sei, dann die Musikerinnen und Musiker aus Venezuela. Wobei nicht ganz deutlich wird, wer da wen motiviert. Offenbar beruht das auf Gegenseitigkeit.
Vor zehn Jahren etwa, erzählt Thomas Clamor, habe er in Caracas einen jungen Posaunisten getroffen, der gerade seine ersten Töne im Orchester spielen konnte und durfte. Man unterhielt sich und mit einem Leuchten in den Augen erzählte der Junge, dass er einmal ein toller Solo-Posaunist werden wolle. „Und nun spielt er auf der aktuellen CD der Banda Sinfonica Simon Bolivar die Solo-Posaune beim „Bolero“.“ Thomas Clamors Augen leuchten ebenso. Der Visionär hinter „El Sistema“ ist der heute 74-jährige José Antonio Abreu, Komponist, Ökonom, Politiker, Erzieher. Während des Ölbooms überredete Abreu das Gesundheitsministerium, ein soziales Unternehmen zu subventionieren. So entstand das System der Jugend- und Kinderorchester von Venezuela, die „Fundación del Estado para el Sistema Nacional de Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela“, genannt „El Sistema“. Kern sind die núcleos genannten Musikschulen. Kinder werden ab einem Alter von zwei Jahren aufgenommen. An sechs Tagen der Woche können Kinder kostenlos Musikinstrumente und Musikstunden nutzen. Die Kinder erhalten viel Zuwendung, Aufmerksamkeit und Bestätigung. Sie werden in einer positiven Atmosphäre ermuntert und nicht entmutigt. Abreu gelang es seit 1975, die Unterstützung aller amtierenden Regierungen zu erhalten. Die Gesamtjahreskosten des Projekts betragen 29 Millionen Dollar und sind für ein Entwicklungsland eine ungewöhnlich hohe Summe.

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Seit dem 07.11.2017

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